25. März 2009

Poker und Politik

Vor etwa zwei Jahren saß ich in einem kleinen Besprechungszimmer im Hause meines Verlegers in München und gab einige Interviews. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wer mir die folgenden Fragen stellte. Es war jedenfalls eine Dame mit durchaus sympathisch klingender Stimme, die über meine Interessen, bevorzugte Bücher etc. bescheid wissen wollte. An eine dieser Fragen erinnere ich mich ganz präzise und zwar, bei welchem Thema ich am raschesten meine Aufmerksamkeit abschalte. Meine Antwort: Politik!

Ist ja auch klar. Warum soll sich ein Pokerspieler für Politik interessieren? Warum soll sich ein Autor, der vorwiegend über Poker schreibt, für Politik interessieren? Warum sollte sich ein Bürger schlechthin, der keinen Abgeordnetensitz anstrebt, ja nicht einmal einer Partei angehört, für Politik interessieren?

Der Begriff selbst ist vom griechischen Wort “Polis”, Stadt oder Gemeinschaft, bzw. “Polites”, womit der Bürger oder Angehörige der Gemeinschaft bezeichnet wurde, abgeleitet. Das Leben innerhalb einer Gemeinschaft lässt sich nur dann reibungslos gestalten, wenn sich die Mitglieder an bestimmte Verhaltensmuster anpassen. Im Idealfall beruhen diese auf gegenseitigen Respekt und Rücksichtnahme, Grundsätzen der Ethik und Moral sowie einer natürlichen Selbstregulierung, wenn der, sich allgemein anerkannten Gepflogenheiten Widersetzende, an den Rand dieser Gemeinschaft abgleitet.

Je größer die Zahl der Angehörigen einer Gemeinschaft desto unumgänglicher wird dabei die Einführung von standardisierten Regelungen, in Form von Verordnungen und Gesetzen. Wiederum in Griechenland der Antike wurzeln zwei konträre Systeme, die sich für die Schaffung dieser Regelungen verantwortlich zeichnen: Tyrannis, wobei die Entscheidungsmacht einer einzelnen Person oder Personengruppe obliegt, und Demokratie, Volksherrschaft, ein Verwaltungs- oder Regierungssystem, in dem die Gesetzgebung von den Interessen der Mehrheit bestimmt wird.

Dass es sich bei Politik heutzutage, nicht zuletzt aufgrund der unüberschaubaren Ausdehnung von Gemeinschaften, um eine wesentlich difiziliere Angelegenheit handelt, zeigt sich schon durch folgenden Satz bei Wikipedia:

“Hauptsächlich wird mit diesem Begriff (Politik) die Gestaltung der Ordnung in der Welt bezeichnet. Allerdings gibt es letztlich bis heute keine Einigkeit darüber, ob Macht, Konflikt, Herrschaft, Ordnung oder Friede die Hauptkategorie von Politik ausmachen.”

Als durchaus bezeichnend lässt sich an dieser Stelle auch ein vor wenigen Jahren neu kreierter Begriff erwähnen, nämlich “politische Korrektheit”. Während es davor der allgemein verbreiteten Meinung unterlag, wer innerhalb der Gemeinschaft welchen Grad der Akzeptanz genoss, so gibt es dafür nun entsprechende Normen, von deren Ursprung eigentlich nichts bekannt ist. Somit obliegt es nicht mehr dem einzelnen Mitlied der Gemeinschaft, auch nicht der Mehrheit der Mitglieder, eine Meinung zu formen, sobald diese nicht den Richtlinien - nein, es sind nicht wirklich Richtlinien, es handelt sich eindeutig um Normen - entspricht.

Gerne erinnere ich mich dabei an jene Jahre, die ich in einem südamerikanischen Land verbrachte, das sich damals gerade im Prozess der Umwandlung von einer sogenannten “Diktatur” in eine “Demokratie” befand, die gesellschaftliche Ordnung aber noch eindeutig von den Kriterien der Diktatur geprägt war. Ich spreche von Paraguay, wo ich von 1991 bis 1995 lebte.

Auch unter Stroessner, dessen Regierung 1989 einem Putsch zum Opfer gefallen war, gab es mehrere Parteien und Wahlen. Dass die Colorados, wie sich die regierende Partei nannte, unter Alfredo Stroessner, über 35 Jahre hinweg ununterbrochen Wahlerfolge für sich verbuchen konnte, lag vorwiegend daran, dass es den damaligen Gesetzen und Regelungen entsprach, sich nicht in Politik einzumischen. Das betraf auch die meinungsbildenden Medien.

So schockierend dies für Menschen klingen mag, die an politische Werbekampagnen gewohnt sind, deren Überzeugungskraft darüber entscheidet, wen die Mehrheit des Volkes mit der Regierung betraut, die überwiegende Mehrheit der Paraguayer hatte damals absolut kein Problem mit der Situation. Denn, für die meisten gab es nämlich wirklich keinen Grund, sich in Politik einzumischen, weil sich die Politik, umgekehrt, auch nicht in ihr Leben eingemischt hat!

Und dieser soeben geschriebene Satz erklärt, warum ich, der ich mich für Politik grundsätzlich nicht interessiere, trotzdem immer wieder Artikel verfasse, die eindeutig vom Bereich des Pokerspiels zur Politik überschwenken, sei es im Zusammenhang mit staatlichen Einschränkungen, mit Vergleichen zwischen Rake und Steuern oder das mathematische Konzept des Nullsummenspiels betreffend.

Zum besseren Verständnis, was ich damit meine, dass sich die paraguayische Politik nicht in das Leben ihrer Bürger eingemischt hat, muss ich einige markante Unterschiede zu den bekannten demokratischen Systemen anführen:

Familienbetriebe, also Kleingewerbetreibende, brauchten für ihre Aktivitäten weder eine Bewilligung noch waren sie steuerpflichtig. So unglaublich dies für einen Deutschen oder Amerikaner klingen mag, wer drei Tische vor sein Haus stellte und dort Essen verkaufte, betrieb ein Restaurant. Waren es zwanzig oder dreißig Tisch, gut, dann war noch immer ein Familienbetrieb. Wer über kein passendes Haus verfügte, aber trotzdem Geld verdienen wollte oder musste, konnte jederzeit, ohne jegliche Lizenz, Würste am Straßenrand grillen, konnte Produkte im Nachbarland Brasilien erwerben und mit Profit in Asunción anbieten, konnte Bier günstig vom Großhändler kaufen und aus der Kühltruhe weiterverkaufen. Genaugenommen, steckt hier perfekte Fairness dahinter. Letztendlich steht niemand aus reiner Freude am Straßenrand und bietet Waren feil, sondern er braucht Geld, um sich und seine Familie zu ernähren. Und das war in der Diktatur, im Gegensatz zur Demokratie, so absurd dies auch klingen mag, erlaubt.

Ich könnte dabei noch eine ganze Menge anderer Beispiele anführen, die Freiheit, sein Haus zu bauen wie man will, Bäume im eigenen Garten zu pflanzen und umzusägen, Fischfang und Jagd, den Erwerb der Waffe eingeschlossen. Solange niemand seine Mitmenschen schädigte, konnte er praktisch, im nichtpolitischen Bereich, tun und lassen, was er wollte.

Ich interessiere mich nicht für Politik, solange sich diese nicht in mein Leben einmischt!

Sie mischt sich aber in mein Leben ein, wenn ich gezwungen bin, einen signifikanten Teil des Geldes, das ich für meine Arbeit erhalte, an eine Organisation abzutreten, auf deren Aktivitäten ich nicht den geringsten Einfluss ausüben kann. Ist es nicht absurd, dass im Preis eines Buches wesentlich mehr Umsatzsteuer enthalten ist als Tantiemen für den, der dieses Buch geschrieben hat? Die Politik mischt sich auch in mein Leben ein, wenn sie mir verbietet, einen kleinen Pokerclub zu betreiben. Ich könnte jetzt endlos Beispiele aufzählen, wo wir uns an Verordnungen und Gesetze halten müssen, die unseren eigenen Interessen entgegen stehen, und absolut nichts mit dem Schutz der Mitmenschen zu tun haben. Wir, die wir in Europa oder Nordamerika leben, sind an all diese Einschränkungen bloß derart gewöhnt, dass sie uns gar nicht mehr auffallen. Und letztendlich führte genau diese Politik auch dazu, den Mittelstand zu verdrängen, fast die gesamte Wirtschaft in die Hände von wenigen gigantischen Unternehmungen zu legen, in ein System zu betten, dem der Einzelne zwar angehört, auf dessen Entwicklung er aber nicht den geringsten Einfluss mehr ausübt.

Auch Paraguay, seit 16 Jahren Demokratie, klagt plötzlich über die Auswirkungen der Wirtschaftskrise. Was für Konsequenzen hätte eine derartige internationale Entwicklung dort nach sich ziehen können, als die Wirtschaft noch ein in sich geschlossenes, unbesteuertes System war, in dem der eine Bürger Nahrungsmittel produzierte, der andere Tische und Stühle und der nächste Kleidung?

Auch wenn ich mich, unter diesen Aspekten, ja doch für Politik interessiere, so ist mir, ebenso wie 99,9 Prozent meiner Mitmenschen, der Einfluss auf Entwicklungen und Entscheidungen völlig unmöglich. Wer glaubt, dass man Einfluss ausüben könnte, indem selbst zum Politiker wird, der soll, bevor er sich zu diesbezüglichen Ratschlägen hinreissen lässt, diesbezüglich einen Versuch unternehmen. Man kann ja auch seine eigene Tageszeitung gründen, um (positiven) Einfluss auf die Mehrheit der Bürger auszuüben, sofern man über hundert Millionen Euro Startkapital verfügt.

Manche Hunde, die in den Zwinger gesperrt sind, liegen resigniert in der Ecke und hoffen, dass ihr Wärter nicht darauf vergisst, ihnen auch regelmäßig Futter zu bringen. Andere bellen sich den Frust vom Leib. Unter Hunden wird sich allerdings kaum einer finden, der sich vorgaukeln lässt, dass ihm sein Zwingerdasein Schutz und Sicherheit böte und dass es anderen, in kleinere Zwinger gesperrt, ja noch schlechter erginge.

Ich liege nicht in der Ecke. Ich belle. Wau!

2 Kommentare

1. kreetrapper schrieb am 25. März 2009 um 23:14

Sie mischt sich aber in mein Leben ein, wenn ich gezwungen bin, einen signifikanten Teil des Geldes, das ich für meine Arbeit erhalte, an eine Organisation abzutreten, auf deren Aktivitäten ich nicht den geringsten Einfluss ausüben kann.

Volker Pispers sagt das (sinngemäß) so: “Die Leute jammern immer ‘Ich arbeite ja das halbe Jahr nur für den Staat.’ Ja, haben Sie das schon mal getroffen, das dumme Schwein für das Sie da so schuften? Schon mal in den Spiegel geschaut?”

Steuern sind notwendig, weil man nur so ein funktionierendes Solidarsystem (Sozialhilfe etc.) und eine funktionierende Gesellschaft im allgemeinen (Autobahnen, Polizei, Feuerwehr, Schule, etc.) vernünftig am Laufen halten kann. Wer denkt, daß Steuern überflüssig sind, kann ja mal schauen wie lange er klar kommt, ohne Rückgriff auf dieses Gemeinschaftseigentum.

2. Alex Lauzon schrieb am 26. März 2009 um 15:31

@Kreetrapper

Zuerst einmal, vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich gebe Dir auch vollkommen recht, dass Steuerleistungen unumgänglich sind und letztendlich hat es auch in Paraguay gewisse Steuern gegeben, z. B. wurden Einnahmen von Unternehmen, die über die Größe eines Familienbetriebes hinausgingen, sehr wohl auch besteuert. Muss es in Summe aber wirklich so viel sein?

Dazu ein kleiner Vergleich: Ein Unternehmen verzeichnet erst dann Einnahmen, wenn alle Betriebskosten gedeckt sind. Anders bei Personen. Eine Person entrichtet Einkommenssteuer noch bevor die Unkosten zur Erhaltung der Person gedeckt sind. (Dramtischer klingt es: Noch bevor die Milch für die Kinder gekauft ist!)

Und dann zu den zitierten Ausgaben des Staates. Um den Straßenbau zu finanzieren gibt es berechtigt Steuern auf Treibstoff. Gut. Aber das mit der Sozialhilfe wäre wieder ein Thema für sich. Zuerst erschwert das System die Möglichkeiten, sich ein Einkommen zu verschaffen, durch alle möglichen Auflagen, geforderte Lizenzen, etc., und nimmt denen, die über gewisse Einnahmen verfügen, einen Teil wieder ab, um jenen, denen das System keine Einkommensmöglichkeiten bietet, etwas unter die Arme zu greifen.

Wieder verweise ich auf die traditionelle Regierungsform in Südamerika. Da gab es keine Sozialleistungen, auch keine Zwangsversicherungen etc. und trotzdem hat das Gesellschaftssystem funktioniert, niemand ist verhungert oder elendig zugrunde gegangen, weil Menschen sich, in Notfällen, einfach gegenseitig unterstützt haben. Das Gemeinschaftsdenken bleibt in dieser Form weseentlich besser erhalten.

Was ich aber, und darüber habe ich schon mehrmals geschrieben, am meisten kritisiere, ist die Schuldenpolitik, wobei es sich entweder um einen Fehler, der sich bemerkenswerterweise in allen westlich Staaten in ähnlicher Form eingestellt hat - oder es handelt sich um böse Absicht. Ein nicht unwesentlicher Teil der Einkommenssteuer dient der Zahlung der Zinsen für die Staatsschulden. Und kein Steuerzahler ist jemals gefragt worden, ob er auch bereit ist, sich indirekt mitzuverschulden.

Schreibe einen Kommentar

Folgende Tags sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>