Ich klage gerne über die schwache Beteiligung im Forum und lese Deine Frage nun mit 10 Tagen Verspätung. Schande über mich!
Nachdem Täuschen ein äußerst wichtiges Instrument im Pokerspiel ist, ist ein Cold Call immer dann von Vorteil, wenn er den Gegner in die Irre führt, wenn er als Schwächezeichen ausgelegt wird. Ob ein Cold Call nun angebracht ist oder nicht hängt sowohl vom Gegner als auch von der Zusammensetzung des Boards ab.
Ganz wichtig zu bedenken ist aber, dass Du möglichen Draw-Hands damit billig die nächste Karte kaufen lässt!
Dieses Risiko ist jedoch ein kalkuliertes.
Nehmen wir an, Du sitzt in Position und floppst ein Set. 7-7 in Deiner Hand und folgender Flop:
Du möchtest durch ein Raise grundsätzlich nicht den Gegner zum Passen bewegen. Schließlich hast Du, aller Wahrscheinlichkeit nach, das bessere Blatt. Gleichzeitig möchtest Du aber auch so viel Geld wie möglich im Pot. Mit welchen Karten könnte dieser Gegner also den ersten Einsatz leisten, mit welchen Karten würde er ein Raise callen und wie hoch könnte dieses Raise ausfallen? Wie wird dieser Gegner aber reagieren, wenn Du zuerst Schwäche zeigst und später mit einem hohen Bet oder Raise zuschlägst? Traust Du ihm zu, dass er, wenn er von Deiner Schwäche überzeugt ist, einen hohen vermeintlichen Bluff callt?
Was es im gegebenen Beispiel abzuwägen gilt, ist das Risiko, dass er sein Flush oder seine Straight kauft, und der mögliche Zusatzgewinn, falls er Deinen Cold Call als Schwächezeichen auslegt.
Falls Du hier erwarten kannst, dass er, wenn Du ihm die Führung überlässt, auch am Turn einsetzen wird (ungeachtet der gefallenen Karte), dann ist der Cold Call meist profitabel. Ist jedoch damit zu rechnen, dass er vorsichtig wird, weil er weiß, dass Du nicht ohne Grund am Flop mitgegangen bist, die Führung also ohnehin abgeben wird, dann solltest Du vermutlich durch ein Min-Raise gleich versuchen, mehr Geld in den Pot zu kriegen bzw. ihm einen möglichen Draw verteuern.
Wenn Du meine letzte Story bei Pokerolymp liest, so hat sich ein Gegner gefunden, der sein Set verheimlichen wollte, seinen Stack dadurch aber eingebüßt hat, weil er mich billig mein Flush hat kaufen lassen - und die Gefahr von drei Kreuz im Board ignoriert hat.
Cold Call ist eine Spekulation und es kann passieren, dass letztendlich gepasst werden muss, auch unter dem Risiko, dass der Gegner bloß blufft.
In der gleichen Geschichte erzähle ich aber auch von meinem Raise in einer anderen Konfrontation. Ich hatte

und im Flop fielen zwei Sechsen mit einer Queen. In diesem Fall hat gerade das Raise in die falsche Richtung verwiesen, nämlich mehr auf eine Queen als auf eine Sechs.
Abschließend möchte ich hinzufügen, dass Abwechslung - sofern die Gegner zum Analysieren der Strategie fähig sind - immer von Bedeutung ist. Letztendlich sollen Deine Mitspieler ja nie genau wissen, wann und warum Du was tust.